Leiden, Verstecken – und ein Ende?
Je älter ich wurde, desto größer wurde die Wut über das, was mir passiert ist. Ich machte mich auf die Suche nach den Gründen und nach der Wahrheit. Die Wahrheit ist, dass ich nie eine Phimose hatte, sondern eine Verklebung der Vorhaut. Dies steht schwarz auf weiß im Operationsbericht, der mir vorliegt. Damit ist meiner Meinung nach eindeutig eine falsche Behandlung aufgrund einer Fehldiagnose durchgeführt worden.
Die Einverständniserklärung zur Beschneidung, die meine Eltern unterschrieben haben, enthält mit keiner Silbe auch nur den Hauch einer Angabe über die Operation selbst. Es steht lediglich darin geschrieben, dass eine Vorhautverengung beseitigt werden soll. Nicht nur, dass diese Vorhautverengung eine Fehldiagnose gewesen ist, es ist absolut nicht angegeben, wie diese OP abläuft und was genau gemacht werden sollte.
Meine Eltern haben mir dann noch erzählt – und ich glaube dem voll und ganz – dass der Arzt damals behauptet hat, ich könne auf Grund der Phimose (die gar keine war) impotent und unfruchtbar werden! Diese Angaben des Arztes sind an Inkompetenz und Unverantwortlichkeit nicht zu überbieten!
Ich wollte nicht mehr mit der Verstümmelung und mit den Schmerzen leben. Daher habe ich bereits im Alter von 15 Jahren nach Möglichkeiten gesucht, das Problem zu beseitigen und mich auf die Suche nach jemandem begeben, der etwas von diesem Problem verstand. Durch Zufall habe ich einige Jahre später im Fernsehen erfahren, dass es in Amerika etliche Männer gibt, die ihre Vorhaut rekonstruieren lassen. Leider war an einen Kontakt oder nähere Informationen zu diesem Zeitpunkt nicht zu denken, aber es war ein positiver Anfang.
Ein erster tatsächlicher Ansatzpunkt war ein ortsansässiger Urologe, den ich im Alter von 19 Jahren fand. Dort erlebte ich eine wahre Überraschung:
Dieser Urologe erzählte mir, dass er vor vielen Jahren schon einmal einen Patienten mit diesen Beschwerden gehabt hätte. Diesem Patienten konnte geholfen werden, jedoch konnte sich der Arzt wegen der langen Zeit nicht mehr genau daran erinnern. Auf jeden Fall war es mir dank dieses Urologen wieder möglich, Sport zu treiben: Ich bekam eine anästhetische Salbe verschrieben, durch die vorübergehend alle Empfindungen an meiner Eichel abgestellt werden konnten. Eine adäquate Methode, die schmerzhaften Erektionen zu beseitigen, existierte leider nicht. Theoretisch gab es zwar die Möglichkeit einer medikamentösen Behandlung, um die Erektionen zu unterbinden, doch hätte diese mit Sicherheit zur Unfruchtbarkeit geführt und kam daher nicht in Betracht.
Ich konnte dann zwar zum Glück wieder Sport treiben, das andere Problem würde aber weiterhin existieren.
Die Suche nach endgültiger Beseitigung der Schmerzen hatte weitere zwei Jahre später ein Ende. Ich fand endlich einen Urologie-Professor (welcher der einzige Mensch ist, dem ich die Verstümmelung freiwillig gezeigt habe und der somit die oben erwähnte einzige Ausnahme darstellt), der sich genau mit diesem Problem beschäftigt hatte. Er gab mir den Rat, die Vorhaut durch Dehnen zu rekonstruieren und hat mir eine entsprechende Anleitung und Salben mitgegeben. Vielleicht war ich etwas ungeduldig, aber ich habe mich einige Monate später zu einer operativen Rekonstruktion entschlossen.
Von da an ging alles ziemlich schnell. Die Voruntersuchung war bald darauf erledigt und ein OP-Termin stand fest. Diese Operation dauerte ungefähr dreimal so lange wie die Beschneidung und hatte zum Ziel, Haut des Hodensacks auf die Basis des Penis-Schafts zu transplantieren. Die nun längere Schafthaut schiebt sich dadurch automatisch nach oben und bedeckt wieder die Eichel. Die Wirkungsweise entspricht im Prinzip genau der Original-Vorhaut. Ich empfinde es als unglaubliche Wohltat, endlich wieder ohne Schmerzen laufen zu können (selbst meine Eltern haben nach der Rekonstruktion festgestellt, dass ich [Zitat:] „Nicht mehr so seltsam breitbeinig laufe.“ Ihnen ist tatsächlich aufgefallen, dass ich eine Art Schonhaltung eingenommen hatte), um keine entsprechenden Medikamente mehr nehmen zu müssen, um Sport zu treiben. Auch waren – nach Abheilung der Wunden – die Erektionen überhaupt nicht mehr schmerzhaft; es spannte nichts mehr und meine Hoden wurden nicht mehr an den Beckenboden gedrückt.
Die operative Rekonstruktion ist eine alles andere als eine leichte Sache. In meinem Fall war sie mit bisher insgesamt drei Operationen und einem mehrwöchiger Krankenhausaufenthalt verbunden. Bei den meisten Leuten ist der Krankenhausaufenthalt deutlich kürzer und manchmal sind auch weniger Operationen notwendig, um einen entsprechenden Erfolg zu erzielen.
Wäre es notwendig würde ich eine solche Operation, ohne zu zögern, erneut machen lassen. Das kosmetische Ergebnis ist so gut wie es nur machbar ist und für Außenstehende ist nicht mehr ersichtlich, dass ich jemals beschnitten war. Einzig ich kann sehen, was daran gemacht worden ist. Aber auch das wird bald ein Ende haben, da ich auch diese Kleinigkeiten quasi verschwinden lassen werde.
Ich weiß, dass all diese Anstrengungen mir nicht das Original zurückgeben können. Trotzdem habe ich die Hoffnung, dass es durch die Gentechnik eines Tages möglich sein wird, eine exakte Kopie der Originalvorhaut zu klonen. Aber bis es so weit ist, werde ich versuchen, ein Ergebnis zu bekommen, das auch ich als perfekt bezeichnen kann.
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