Samstag 24 Juni 2017

Es klingt wie eine Geschichte aus einem Krimi - aus einem schlechten Krimi.

Der türkische Rentner Sagan B. (jetzt 77 Jahre alt) der zwar seit 1969 in Wuppertal lebt, aber angeblich kein Wort Deutsch spricht, wurde ende Juni 2000 auf dem Flughafen Düsseldorf mit einhundert Packungen eines türkischen "Wundpulvers" erwischt, eine nachfolgende Durchsuchung seiner Wohnung brachte eine umgebaute Gaspistole und verschmutze chirurgische Instrumente ans Licht.

Sagan B. konnte nachgewiesen werden, dass er - auch nach seinem Aufgriff auf dem Flughafen, dass zunächst "nur" einem Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz geführt hat - an mindestens sieben Jungen ein blutiges Ritual durchgeführt hat:

Er hat diesen sieben Jungen (sie waren zwischen 4 und 14 Jahren alt) zwar mit Einverständnis ihrer Eltern - trotzdem jedoch rechtswidrig - unter unsterilen Bedingungen die Vorhäute abgeschnitten.

Die Strafe in der ersten Instanz vor dem Amtsgericht Düsseldorf war milde, vielleicht zu milde: Obwohl § 224 StGB mindestens eine Freiheitsstrafe von 6 Monaten bzw. in minder schweren Fällen von 3 Monaten vorsieht wurde er zu einer Geldstrafe in Höhe von 2.100 Euro verurteilt, obwohl er keinerlei Unrechtsbewusstsein zeigte. Gegen das Urteil des Amtsgerichts Düsseldorf legte er Berufung ein, diese wurde am 18. Okober 2006 vom Landgericht verworfen, da Sagan B. zur Verhandlung nicht erschienen war. Die Verurteilung zu einer Geldstrafe ist damit rechtskräftig.

Freigegeben in Meldungen aus Deutschland

Hamburg (pid). Das Urteil gegen die für den Tod des damals 4jährigen Franjo W. verantwortliche Ärztin Petra O. wurde am 15. Mai 2009 durch das Hamburger Landgericht aufgehoben und in eine Bewährungsstrafe von 18 Monaten bei einer Bewährungszeit von 2 Jahren umgewandelt. Außerdem wurde das gegen die Angeklagte verhängte Berufsverbot aufgehoben.

Das Amtsgericht Wandsbek hatte die Ärztin im Mai vergangenen Jahres in erster Instanz wegen fahrlässiger Tötung zu 22 Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt und ihr ein fünfjähriges Berufsverbot auferlegt.

Nachdem sie ihre Schuld bis zuletzt leugnete bzw. auf andere Ärzte abzuschieben versuchte, hat Petra O. nunmehr die volle Verantwortung für den Tod des kleinen Jungen übernommen, was vom Gericht strafmildernd berücksichtigt wurde. Zu einer Entschuldigung der Angeklagten bei der Mutter von Franjo kam es allerdings auch nach fast 3 Jahren nicht.

Franjo war im August 2006 nach der Infusion einer viel zu hohen Dosis Glukose ins Koma gefallen und vier Tage später gestorben.

Im Berufungsverfahren äußerte Petra O., sie habe nicht gewusst, dass eine so hohe Dosis Glukose (500 ml intravenös bei 18 kg Körpergewicht) tödlich sein könne. Auch war ihr offenbar nicht bekannt, dass es einen erheblichen Unterschied macht, ob Glukose intravenös oder über das Verdauungssystem aufgenommen wird. Unter diesen Umständen erscheint die Entscheidung des Gerichtes, das Berufsverbot gegen die offensichtlich mangelhaft qualifizierte Ärztin aufzuheben, völlig unverständlich. Offen ist allerdings, wie die Ärztekammer dieses Verhalten wertet. Das Disziplinarverfahren steht nämlich noch aus.

Offenbar kam es schon im Vorfeld wie auch nach der tragischen Glukoseinfusion zu einer desaströsen Verkettung mehrere ärztlicher Fehlleistungen, die jedoch nicht Gegenstand des Verfahrens waren. So soll u. a. die Phimose-Operation, wegen der Franjo ursprünglich im Wilhelmstift behandelt worden war, medizinisch nicht indiziert und die vorgeschriebene Patientenaufklärung zu möglichen Alternativbehandlungen nicht umfassend genug gewesen sein.

Obwohl die Ärztin ankündigte, gegen das Urteil keine Rechtsmittel einlegen zu wollen, ist der Fall damit noch nicht abgeschlossen.

Im bevorstehenden Zivilprozess gegen das Kinderkrankenhaus und das beteiligte medizinische Personal wird es neben Fragen der Entschädigung der Hinterbliebenen und Schmerzensgeld auch um die Phimose-Operation gehen, deren Notwendigkeit nach den Worten eines vorbehandelnden Arztes mehr als zweifelhaft erscheint.

Freigegeben in Meldungen aus Deutschland
Freitag, 26 Dezember 2014 00:00

Die Operation

Wie viel Verständnis oder Unverständnis erleben Sie, wenn Sie sich als Betroffener in der Öffentlichkeit kritisch zu Beschneidung bei Jungen positionieren?

Andreas: Im Sportverein, auf Arbeit und auch im Bekanntenkreis wurde das Urteil diskutiert. Und zu meiner großen Freude trifft das Urteil weitgehend auf Zustimmung. Nur wenige Stimmen bagatellisieren die Beschneidung als vollkommen harmlos. Wobei nur im Sportverein bekannt ist, dass ich „betroffen“ bin.

Und wie ist es bei Ihnen, Sven?

Sven: Ich habe vor einiger Zeit mal einen Vortrag vor Schülern eines Abendgymnasiums gehalten, da ging es um die routinemäßige Beschneidung von männlichen Säuglingen nach der Geburt. Die Zuhörer waren sehr interessiert, haben jedoch erklärt, dass schon der Gedanke an so etwas in ihnen Schmerzen verursacht. Sie haben es auch nicht für möglich gehalten, dass Eltern ihren kleinen Kindern so etwas antun.

Die Bevölkerung begrüßt ja auch im Gegensatz zu Politik und dem Großteil der Medien mehrheitlich das Kölner Beschneidungsurteil. Von was wird überhaupt geredet? Wie wurde bei Ihnen die Beschneidung durchgeführt?

Sven: Die Operation selbst verlief in Vollnarkose. Daher habe ich von dem eigentlichen Eingriff nichts mitbekommen. Anhand des OP-Protokolls kann ich aber ziemlich genau nachvollziehen, was da gemacht wurde.
Vorbereitend gab es eine Spritze in den Allerwertesten, die eigentliche Narkose dann über eine Atemmaske. Vor der Operation habe ich zwei Spritzen in die Peniswurzel bekommen. Eine Einstichstelle kann ich heute noch ertasten.
Als nächstes werden die Blutgefäße, die durch die Haut des Penisschaftes zur Vorhaut führen abgeklemmt, die Vorhaut auf der Oberseite bis etwa zum Ende der Eichel eingeschnitten und dann rundherum abgeschnitten. Deswegen spricht man lateinisch auch von einer Zirkumzision, also einer Umschneidung. Zum Schluss wird dann der verbliebene kleine Rest der inneren Vorhaut an die Schafthaut genäht und der Rest des Penisbändchens auf der Rückseite der Eichel festgenäht. Hierbei muss der Blut nur so aus mir herausgespritzt sein, wie ich an diversen Blutflecken auf meinem Unterkörper anschließend erkennen konnte.
Aufgewacht bin ich dann einige Zeit später im Aufwachzimmer zwischen verwirrten alten Frauen.

Andreas: Auch bei mir war's unter Vollnarkose. Da spürt man i.d.R. nichts. Über den unmittelbaren Verlauf kann ich (zum Glück) nichts berichten.

Das Urteil sei ein „beispielloser und dramatischer Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften“ und ein „unerhörter und unsensibler Akt". Bei einer bundesweiten Umsetzung des Urteils würde „jüdisches Leben dadurch in Deutschland unmöglich gemacht".

(Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland)

"Sollte die Beschneidung aus religiösen Gründen in Deutschland verboten sein, kann sich das Land jede weitere Integrationspolitik sparen."

(Serkan Tören, Integrationsexperte der FDP)

Stellungnahme:

Dieter Graumann mag für sich und die von ihm vertretene Auslegung des Judentums sprechen, doch diese ist schwerlich für alle Juden in Deutschland oder gar weltweit gültig.

Langsam, aber beharrlich findet seit vielen Jahren in der jüdischen Weltgemeinschaft eine Entwicklung statt, die die religiöse Beschneidung an Neugeborenen in Frage stellt und hinter sich lässt. Mehr und mehr Eltern entscheiden sich stattdessen für eine alternative, unblutige und schmerzlose Zeremonie namens Brit Shalom, um ihre Söhne an ihrem achten Lebenstag in der Gemeinschaft willkommen zu heißen - und leben dennoch stolz und bewusst ihren jüdischen Glauben und vermitteln ihn ihren Kindern.

Diese Bewegung ist in den USA, wo die Debatte ausgehend von der Kritik an der nicht-religiösen "routinemäßigen Säuglingsbeschneidung" schon wesentlich früher begann, am größten, hat jedoch sogar Israel erreicht. Prof. Dr. Holm Putzke, Jurist an der Universität Passau, Beschneidungskritiker und vielgefragter Mann in den Tagen nach der Urteilsverkündung, betont in einem Interview mit der israelischen Zeitung Haaretz: "Ich habe in den letzten Tagen tausende E-Mails aus der ganzen Welt erhalten. Am bemerkenswertesten ist, dass die E-Mails aus Israel die ausgewogensten und gemäßigtsten waren."

Noch größer als die Zahl der jüdischen Eltern, die den radikalen Schritt gehen und auf eine Beschneidung verzichten, dürfte die Zahl jener Eltern sein, die sich mit der Beschneidung fundamental unwohl fühlen und sie vielleicht sogar im Widerspruch zu grundlegenden Werten und Idealen ihres Glaubens sehen, sich aber der Angst vor Ausgrenzung und dem Druck der Gemeinschaft beugen und ihre Söhne dennoch beschneiden lassen. Diesen Eltern wird durch die Entscheidung des Kölner Gerichtes wesentlich der Rücken gestärkt, ihren eigenen Instinkten zu folgen.

Ist vielleicht gerade dieser Verlust der Kontrolle über die Gläubigen die größte Angst der religiösen Autoritäten?

Wenn die Existenz des Judentums tatsächlich vom Abschneiden eines Teils des Penis von neugeborenen Jungen abhängig wäre, dann wäre es wahrhaftig eine sehr arme Religion. Das ist jedoch nicht der Fall. Um es mit den wunderbaren Worten von Dr. Jenny Goodman, britisch-jüdische Ärztin, Psychotherapeutin und Feministin zu sagen:

"Ich bin zuversichtlich, dass mein Volk so viele lebensbejahende, lebensfreudige und erkenntnisbringende Traditionen hat, dass unsere Identität und kulturelle Selbstachtung ohne Probleme überleben wird, wenn wir über die Beschneidung hinauswachsen, die ein grausames Relikt ist, das ich immer als eine Abweichung vom Herzen meiner Religion empfunden habe."

Gleiches trifft selbstverständlich auch auf den Islam zu, auch wenn dieser noch einen weiteren Weg zu gehen und noch mehr Hürden aus oppressiven und inhumanen Traditionen zu überwinden hat. Gleichzeitig lässt der Islam in Bezug auf die Beschneidung aber wesentlich mehr Spielraum zu als das Judentum, was sogar schon in den Aussagen vieler muslimischer Urteilskritiker anklingt. So ist Beschneidung etwa nicht im Koran erwähnt, der nach muslimischer Glaubensauffassung das vollständige und unverfälschte Wort Gottes ist. Stattdessen steht im Koran, dass der menschliche Körper von Allah perfekt geschaffen wurde und keiner Verbesserung durch den Menschen bedarf.

Die Grundlage für die muslimischen Beschneidungstraditionen - sowohl von Jungen als auch von Mädchen - besteht in Hadithen, überlieferten Worten und Taten der Propheten. Wie verbindlich diese Hadithe sind und ob es sich dabei um eine Pflicht, eine Empfehlung oder eine Ehre handelt, ist unter Islamgelehrten umstritten, in jedem Fall ist jedoch KEIN Alter für die Beschneidung vorgeschrieben.

Ein weiterer wichtiger und häufig zitierter Grundsatz des Islam ist, dass es keinen Zwang im Glauben gibt.

Es scheint dementsprechend nicht nur möglich zu sein, die Beschneidung ins Erwachsenenalter zu verschieben, sondern der Verzicht auf Zwangsbeschneidungen im Kindesalter scheint sogar im Sinne des Islam zu sein.

Freigegeben in Rituelle Beschneidung

Alle Achtung gebührt den Eltern eines seinerzeit 6jährigen Jungen aus Niedersachsen, die es 1999 nicht hinnehmen wollten, dass ihr Sohn entgegen dem Behandlungsvertrag mit dem Krankenhaus wegen einer Phimose radikal an der Vorhaut beschnitten wurde, obwohl eine sparsame Teilbeschneidung vereinbart worden war.

Ebenfalls wollten sie das Argument der behandelnden Ärzte nicht gelten lassen, es hätten sich während der OP Umstände ergeben, die nur eine radikale Vorhautbeschneidung zuließen.

Sie klagten – und bekamen Recht! Das Urteil wurde am 21.08.2002 verkündet.

Was die Beweisaufnahme als „Nebenprodukt“ zu Tage förderte, wirft ein bezeichnendes Licht auf die gängige (?) Praxis im Umgang mit der körperlichen Unversehrtheit von Jungen, wenn es um deren Vorhaut geht. Man betrachtet diesen Teil der kindlichen Geschlechtsorgane offenbar als überflüssig, dessen Entfernung als üblich, zumindest aber zumutbar.

Zur Sache:

Wegen des Verdachts auf Phimose (Vorhautverengung) wurde der damals 6jährige Junge von seinem Kinderarzt zur Klärung der Behandlungsbedürftigkeit an die Klinik der späteren Beklagten überwiesen. Diese bestätigten den Verdacht und legten als Therapie eine sparsame Vorhautbeschneidung fest.

Nachdem die Eltern die Einverständniserklärung für eine sparsame, sog. semiradikale Beschneidung ihres Sohnes unterzeichnet hatten, bei der die Eichel auch nach der Operation noch weitgehend von der Vorhaut bedeckt ist, stellte sich nach dem Eingriff im November 1999 heraus, dass dem Jungen faktisch die gesamte Vorhaut entfernt und die Eichel vollständig und dauerhaft entblößt worden war. Zudem zeigte sich hinter der Eichel eine optisch äußerst ungünstige Wulst aus dem noch vorhandenen Vorhautrest.

Vor Gericht begründeten die Ärzte ihr Vorgehen mit Komplikationen, die sich erst während der OP ergeben hätten und brachten zudem vor, eine nicht radikale  Vorhautbeschneidung führe in Folge möglicher hygienischer Probleme häufig zu Entzündungen. Aus diesen MÖGLICHEN künftigen Hygieneproblemen, Infektionen und Komplikationen leiteten sie offenbar die Berechtigung ab, auch ohne Zustimmung des Klägers (bzw. dessen Eltern) nach eigenem Ermessen zu operieren. Im Übrigen hielten sie ihr Vorgehen für sachgerecht.

Die Richter folgten weder dem „Hygieneargument“, noch hielten sie die vorgebrachten Komplikationen während der OP für glaubhaft, da diese im Operationsbericht mit keinem Wort erwähnt wurden.

Aufbauend auf die Ausführungen eines gerichtlich bestellten Sachverständigen kamen die Juristen vielmehr zu dem Schluss, dass es einem erfahrenen Operateur SEHR WOHL möglich gewesen wäre, sparsam zu beschneiden, da der Junge vor der Operation einen „ausgeprägten Vorhautrüssel“ am Penis gehabt habe und ausreichend Gewebe für eine sparsame Beschneidung vorhanden gewesen sei.

Die Richter stellten weiterhin fest, dass es sich bei der Operation um eine Totalbeschneidung handele (was die Beklagten bestritten), da wesentliche Teile der inneren Vorhaut entfernt wurden, die hätten belassen werden müssen.

Somit sei dem Kind ein Schaden entstanden, für den die Beklagten gesamtschuldnerisch haftbar zu machen sind.

Schlamperei ist „durchaus üblich“

Doch die Beweisaufnahme brachte noch weitere „Überraschungen“ ans Licht:

So konnte nachgewiesen werden, dass die auch in Deutschland oft als „harmlose Routine-Operation“ bezeichnete Beschneidung der Vorhaut im vorliegenden Fall nicht von einem ausgebildeten Facharzt, sondern von einem Nichtmediziner, nämlich einem Medizinstudenten „eigenverantwortlich und federführend“ durchgeführt worden war.

Ein klarer und schwerer Verstoß gegen geltendes deutsches Recht!

Das Erschreckende dabei ist die Erwiderung der Beklagten in der mündlichen Verhandlung, wonach ein solches Vorgehen „durchaus üblich“ sei.

Offenbar hält man die körperliche Unversehrtheit von Jungen im Genitalbereich für derart unwesentlich, dass man sich in diesem Falle nicht an Recht und Gesetz zu halten braucht. Da muss man sich fragen, wie viele Jungen in Deutschland auf diese Weise operiert wurden und werden, ohne dass deren Eltern jemals etwas davon erfahren. Die Ärzte müssen sich zudem fragen lassen, wie hoch die Zahl der Komplikationen und Operations (spät) folgen sein mag, die allein aus diesem Umstand resultieren, für die niemand haftet (weil niemand klagt) und mit denen die betroffenen Jungen ein Leben lang allein und „in aller Stille“ fertig werden müssen!

„Nicht sachgerecht!“ lautete folgerichtig das Urteil des Gutachters, der sowohl sämtliche Unterlagen akribisch analysiert, als auch den Jungen eingehend untersucht hatte.

Der Medizinstudent hätte den Jungen keinesfalls operieren dürfen (auch nicht in Assistenz eines erfahrenen Arztes) und: Er (der Student) hätte diesen Umstand am Ende seiner theoretischen Ausbildung erkennen können und müssen. Im Zweifelsfalle wäre er verpflichtet gewesen, die Standesorganisation (Ärztekammer) zu befragen. Insofern ist auch der Medizinstudent für die nicht sachgerechte OP haftbar zu machen.

Wer nun glaubt, der Fall sei damit klar, irrt!

Dem Gutachter gelang in seinen schriftlichen und später mündlichen Ausführungen nämlich etwas, das sich in Zukunft hoffentlich als richtungweisend für ähnlich gelagerte Fälle herausstellen wird: Die Feststellung, wann überhaupt eine medizinische Indikation (Notwendigkeit) für eine Vorhautbeschneidung vorliegt.

Seiner Ansicht nach ist dies nur dann der Fall, wenn die Miktion (Wasserlassen) nachweislich erheblich behindert ist. In allen anderen Fällen gibt es Alternativen, über die aufgeklärt werden muss.

Sofern es sich um den physiologisch normalen Zustand einer kindlichen Vorhautverengung bzw. –verklebung handelt, verbietet sich eine Operation, selbst dann, wenn die Eltern bereits zugestimmt haben, weil der voruntersuchende Arzt irrtümlicherweise von einer behandlungsbedürftigen Phimose ausgegangen ist und entsprechend (falsch) aufgeklärt hat.

In seinen mündlichen Ausführungen, die er dem Gericht laut Urteil „auf eindrucksvolle Weise“ vortrug, gelangte der Mediziner zu dem Schluss, dass die Operation (Beschneidung), unabhängig von Ausmaß und Methode, als solche zu keinem Zeitpunkt medizinisch indiziert war, sprich:

Die Operation war von vorneherein unnötig!

Durch die Beschneidung der Vorhaut wurde lediglich ein Zustand beseitigt, der nach übereinstimmender Auffassung von Kinderchirurgen und Kinderurologen physiologisch völlig normal ist. Der damals 6jährige Junge hatte, wie viele Jungen dieses Alters, eine rüsselförmig verlängerte und physiologisch verengte Vorhaut ohne klinische Symptome, also ohne Entzündungen oder sonstige Beschwerden. Dies jedoch sei in diesem Alter und bis hin zur Pubertät völlig normal und behebe sich in der Regel von selbst.

Das Gericht stellte somit fest, dass der damals 6jährige eine nicht notwendige Operation über sich ergehen lassen musste, die zudem nicht sachgerecht ausgeführt wurde und die bei dem Jungen einen lebenslang bleibenden Schaden hinterlassen hat.

Eine besondere Belastung sehen die Richter für den Jungen auch im Hinblick auf die noch bevorstehende Pubertät und in der Tatsache, dass er sich einer weiteren Operation unterziehen müsste, wollte er wenigstens die optisch nachteilige Vorhautwulst hinter der Eichel beseitigt haben.

Folge:

In ihrem Urteil gehen die Richter deutlich über das hinaus, was der Kläger (der durch seine Eltern vertretene Junge) gefordert hatte:

Statt, wie begehrt, 10.000 DM (5.112,92 EUR) verurteilten die Richter die Beklagten zur Zahlung eines Schmerzensgeldes in Höhe von 7.500 EUR zuzüglich Zinsen. Ferner müssen die Beklagten dem Jungen alle künftigen materiellen und immateriellen Schäden ersetzen, die auf die Operation zurückzuführen sind und nicht durch Dritte gedeckt werden.

Freigegeben in Meldungen aus Deutschland

Mit Urteil vom 7. Mai 2012 hat das Landgericht Köln einen niedergelassenen Arzt vom Vorwurf der Körperverletzung freigesprochen, dabei jedoch klargestellt, dass der Arzt den Eingriff nicht hätte vornehmen dürfen. Das Gericht hat dabei darauf abgestellt, dass eine Einwilligung der Eltern in die Beschneidung eines noch nicht einwilligungsfähigen Sohnes auch einen Arzt nicht rechtfertigen kann, eine solche Einwilligung läuft nach AUffassung des Strafkammer dem Kindeswohl zuwider. Das Grundrecht des Kindes aus Artikel 2 des Grundgesetzes auf körperliche Unversehrtheit wiege schwerer als der Wunsch der Eltern, nicht so lange abwarten zu wollen, bis ihr Kind eine eigenverantwortliche Entscheidung zu treffen vermag.

Der Freispruch erfolge allein deshalb, weil die Strafkammer zu der Überzeugung gekommen ist, dass der Arzt im Zeitpunkt der Operation glaubte, die Beschneidung von Jungen sei vom Begriff der Körperverletzung nicht umfasst. Das Gericht hat ferner angenommen, dass dieser Irrtum für den Arzt unvermeidbar war, da es selbst in der Rechtswissenschaft bislang teilweise noch umstritten war, ob religiöse Motive einen derartigen Eingriff in die Rechte eines Kindes rechtfertigen.

Vor fast 5 Jahren hat das Oberlandesgericht Frankfurt am Main entschieden, dass einem minderjährigen Jungen für eine Klage gegen seinen nicht-sorgeberechtigten Vater Prozesskostenhilfe zu gewähren ist. In diesem Fall hatte der muslimische Vater heimlich die Beschneidung des Jungen bei einem Arzt organisiert. Seinerzeit hat das Frankfurter Gericht noch offen gelassen, ob die elterliche Sorge so weit reichen kann, dass auch in medizinisch nicht indizierte und somit allein nachteilige Eingriffe wirksam eingewilligt werden kann.

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